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Peter Gabriels Family Snapshot, eine Zeitreise …

Erstellt von: alexsebastian am:


Wer erinnert sich noch an die drei Buchstaben WOM?

Ein weiteres Video vom Konzert im Januar ist online. Ich erinnere mich noch genau, wo und wie ich diesen Song zum erstenmal gehört habe. Mitten in der Münchner Fußgängerzone gab es mal diesen Kellerladen, genannt WOM (World of Music). Kellerladen klingt jetzt vielleicht etwas despektierlich. Tatsächlich war es das Paradies für Platten- und CD-Käufer, und in den 90ern ging ich dort ein und aus. Downloads und Streaming gab ja noch nicht. Hätte uns seinerzeit jemand was von iTunes erzählt, hätten wir nur gefragt: „Ei was?“ Steve Jobs war noch zu beschäftigt, mit Pixar-Filmen Disney zu ärgern. Und für uns Musikbegeisterte gab es eben diesen einen Laden, in dem es auf der gefühlten Fläche eines Fußballfeldes einfach ALLES gab, was mit Musik zu tun hatte. Und wenn nicht, wussten die, wie man es importiert.

Dicht gedrängte Menschenmengen kauften physikalische Tonträger

Peter Gabriel Fan war ich in den 80ern geworden, mit Songs wie Sledgehammer und Don’t Give Up. Ein Freund gab mir schließlich – über den groben Daumen gepeilt etwa 1991 – den Tipp, doch auch mal in Gabriels „alte Sachen“ reinzuhören. Dazu musste man sich seinerzeit – wie bereits angedeutet – tatsächlich aus dem Haus bewegen und zu handelsüblichen Öffnungszeiten im WOM einfallen. Dann drängelte man sich zwischen den Menschenmengen durch (kaum zu glauben, aber war so), suchte nach dem richtigen Genrebereich und scannte an den gelben Regalen entlang …. D … E …. F …. …. L …. M …. ja, das war dann der Zeitpunkt einen Fluch auszustoßen: „Wo zum Henker ist nun wieder das Regal mit dem G? Immerhin weiß ich, dass es ein gelbes ist…“ War es einem endlich gelungen, jemanden vom Personal verhaftet, der zu einer präzisen Wegbeschreibung in der Lage war, konnte man seine gewünschten Tonträger trotz anfänglicher Skepsis aber eben tatsächlich finden.

Der Kampf an der Abhörstation

Der nächste Schritt bedurfte strategischer Planung: Man begab sich zu der großen, quadratischen (gelben) Theke: Die Abhörstation, mit den (zum Glück nicht gelben) Kopfhörern. Davon gab es etwa 12 Stück. Natürlich alle bereits über irgendwelche Köpfe gestülpt und die nächsten Köpfe standen schon ungeduldig dahinter. Hatte man sich strategisch günstig positioniert, konnte man im Idealfall nach etwa 20 Minuten einen Kopfhörer ergattern und überreichte seinem persönlichen DJ hinter der Theke in freudiger Erwartung die erste CD, auf dass er sie einlege und es endlich losgehen könne.

Texte mitlesen an der Abhörstation. So war das damals …

Erstmalig beschallten mich Klänge von Peter Gabriels früheren Produktionen, die damals schon um die 10 Jahre alt waren, aber trotzdem immer noch wahnsinnig spannend und innovativ klangen. Erstmalig las ich im Booklet auch den Namen von Drummer Jerry Marotta, der neben Phil Collins den Songs den nötigen Wumms verpasste. Immer wieder drückte ich den Knopf zum Weiterschalten. Schließlich warteten ja auch noch andere Kunden, aber ich würde diese CD auf jeden Fall mitnehmen.

Das Drama von Family Snapshot

Und dann blieb ich hängen: „The streets are lined with camera crews. Everywhere he goes is news.“ begann der Song und baute unmittelbar eine Dramatik auf, der ich mich nicht entziehen konnte. Alles drumherum war auf einmal ausgeblendet. Das Booklet in der Hand starrte ich auf den Text und wurde förmlich in die Story des Songs hinein gezogen: Der Attentäter kurz vor seinem Anschlag. So intensiv interpretiert, dass ich fast Herzrasen bekam. Wie geht das weiter? Wie geht das aus? Erst vor wenigen Monaten recherchierte ich den Hintergrund. Peter Gabriel hatte das Buch An Assasins Diary gelesen. Der Autor Arthur Bremer war besessen von der Idee groß raus zu kommen. Er wollte 1972 dadurch großen, wenn auch zweifelhaften Ruhm erreichen, indem er Richard Nixon tötete. Zeitlich so günstig gelegt, dass er es in die nationalen Frühnachrichten schaffen würde. Nachdem ihm klar wurde, dass an Nixon nicht ran zu kommen ist, verübte er ein Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten George Wallace. Gabriel vermischte für Family Snapshot die Charakterzüge Bremers mit textlichen Bildern, die an das JFK Attentat erinnern.

Die Interpretation eines Kronjuwels

In der Vorbereitung zu meinem Release Konzert fiel mir der Song wieder in die Hände. Bzw. in die Ohren … ganz ohne Gedränge direkt vom Streaming-Anbieter dank Shuffle-Play. Family Snapshot gehört für mich nach wie vor zu den Kronjuwelen Peter Gabriels. An solche Songs traue ich mich in aller Regel nicht ran, aber die Versuchung ihn zu interpretieren, war zu groß. Dank des großartigen Florian Wagner am Piano konnte ich das auch so umsetzen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nebenbei: Die Waffe ist eine Filmwaffenattrappe, die mir freundlicherweise Rainer Metz aus seinem Filmwaffen-Fundus zur Verfügung gestellt hat.

Dürfen in keinem Gabriel Fan CD Regal fehlen: Melt und Security

Aus dem WOM ging ich an jenem Tag etwa im Jahre 1991 mit zwei CDs, die ich eben im Regal schön sortiert unter G nebeneinander wieder gefunden habe: Peter Gabriel 3 (alias Melt) und Peter Gabriel 4 (alias Security). Diese beiden Werke dürfen bei keinem Gabriel-Fan fehlen. Im Durchblättern des Booklets stoße ich auf den Produzenten Steve Lillywhite und habe schon wieder diverse Assoziationen. Zum Beispiel Dave Matthews. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll ein andermal erzählt werden. Ist ja auch schon spät.

Kommenden Samstag, 28. April 2018 spielen wir im Theater Drehleier bei der Langen Nacht der Musik um 21:30 Uhr ein Semiakustikset! Kommt vorbei.


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